"Terror – Ihr Urteil" (Film, Theaterstück)

verfehlte Story, verfehlte Abstimmung, verfehlte Diskussion ...

Die Ausstrahlung des Films „Terror – Ihr Urteil“ am 17.10.2016 im Ersten Programm der ARD hätte eigentlich dazu dienen sollen (oder können), eine breite Öffentlichkeit in die Beschäftigung mit einer Problematik einzubeziehen, die ansonsten fast ausschließlich von Juristen beurteilt wird. Dieses eigentlich positiv zu bewertende „Experiment“ kann man aber bei genauerem Hinsehen nur als verfehlt bezeichnen.
Denn der Plot des Films wird der Problematik einfach nicht gerecht. Er ist in einigen wesentlichen Punkten nicht plausibel, plump und unlogisch in den Argumenten.
Besonders auffällig: Er lässt u. a. den Angeklagten ungewollt als jemanden dastehen, der vor seinem Abschuss der Passagiermaschine eine wichtige Option übersehen oder ignoriert hat und der darüber hinaus nicht in der Lage ist, leicht zu entkräftenden Argumenten der Staatsanwältin in seiner Befragung überzeugend zu begegnen (mehr dazu weiter unten). Stattdessen soll er als hochintelligent dargestellt werden. Und dadurch, wie er im Film präsentiert wird, hat er von vorn herein einen Sympathie-Bonus für die Zuschauer-Abstimmung, der die Wahrnehmung seiner tatsächlichen Schuld eher verhindert.

Das Abstimmungsergebnis (sowie auch die Diskussionen hinterher in der Sendung „Hart aber fair“) erwecken auf beunruhigende Weise den Eindruck, dass die Ungereimtheiten der Filmstory von kaum jemandem wahrgenommen werden und dass die Urteilsfindung – mit welchem Ergebnis auch immer – in nahezu allen Fällen auf durch den Film provozierte Emotionen in Verbindung mit bereits vorgefassten Wertesystemen beruht.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Das ändert natürlich nichts an der Notwendigkeit einer gründlichen Auseinandersetzung mit den ethischen und juristischen Fragen, die durch dieses „Experiment“ eigentlich in den Raum gestellt werden sollten – also Fragen wie die Bewertung von Leben (gegen Leben) oder im Einzelfall entschuldbare Verstöße gegen im Grundgesetz oder anderweitig festgeschriebene Gesetze.
(Bemerkenswert in diesem Zusammenhang übrigens die von Frau Petra Bahr in der „Hart-aber-fair“-Diskussion ins Spiel gebrachte Überlegung – sinngemäß –, wie jemand zu beurteilen ist, der wissentlich Schuld und ggf. Strafe auf sich nimmt, um Schlimmes anstelle von Schlimmerem bzw. Falsches anstelle von Falscherem zu tun bzw. zu ermöglichen, indem er sich über Gesetze und Befehle hinwegsetzt.)
Aber leider kann im konkreten Fall der Filmstory auch diese Betrachtungsweise nicht wirklich zur Anwendung kommen, da der Angeklagte bei Berücksichtigung aller im Plot dargestellten Fakten jemand ist, der auf der Grundlage einer falschen Einschätzung der Situation Menschen tötet, die andernfalls (möglicherweise!) hätten gerettet werden können.

Mehr zur Begründung:
Laut Darstellung im Film wird das Passagierflugzeug entführt, wobei von den Militärmaschinen aus erkennbar ist, dass Pilot und Copilot weiterhin im Cockpit agieren (Sichtkontakt, “... Ein zivil gekleideter Mann steht im Cockpit zwischen Pilot und Copilot ...“).
In dieser Konstellation wäre es sehr wahrscheinlich, dass Pilot und/oder Copilot spätestens im letzten Moment versuchen, die Ziele des Flugzeugenführers zu durchkreuzen und die Maschine entweder ohne Personenschaden irgendwie zu landen oder zumindest so zum Absturz zu bringen, dass außerhalb der Maschine niemand zu Schaden kommt. Dass das wahrscheinlich gewesen wäre und warum, wurde während der Beweisaufnahme überhaupt nicht erörtert, obwohl es von zentraler Bedeutung für die Klärung der Schuldfrage gewesen wäre.
Lediglich im Plädoyer der Staatsanwältin tauchen die Fragen auf: “Wollte der Pilot die Maschine doch noch im letzten Moment hochziehen, um die Menschen im Stadion zu retten? Wir wissen es nicht. Hätte der Copilot dem Terroristen die Waffe im letzten Moment aus der Hand geschlagen? ... Das alles wissen wir nicht.“
Ein halbwegs intelligenter Luftwaffen-Soldat müsste diese Möglichkeit zumindest als wahrscheinlich in Betracht ziehen, bevor er entscheidet, dies auszuschließen, indem er die Maschine “vorsorglich“ abschießt. Der gesunde Menschenverstand sagt uns auch: Schon allein der Selbsterhaltungstrieb angesichts des ansonsten unvermeidlichen Todes würde Pilot und/oder Copilot jedes Risiko in Kauf nehmen lassen, das ein Widerstand gegen den Flugzeugentführer mit sich bringen könnte.
Außerdem sollte man auch allen Piloten der zivilen Luftfahrt zutrauen, dass sie im Falle eines unabwendbaren Absturzes ihrer Maschine jede Maßnahme ergreifen würden, durch die eine Gefahr für weitere Menschenleben außer denen in der Maschine abgewendet werden kann – also z. B. durch steuern der Maschine in ein dünn oder gar nicht besiedeltes Gebiet und/oder durch Ablassen von Kerosin. Vor diesem Hintergrund kann man eigentlich geradezu ausschließen, dass die Piloten – selbst unter Androhung von Waffengewalt – das Flugzeug in ein voll besetztes Stadion steuern würden. Noch dazu hätte der Entführer gar nicht verhindern können, dass die Piloten seine Mission vereiteln, da er offenbar selber nicht zum Steuern des Flugzeuges in der Lage war.

Ich frage mich, wie man den angeklagten Helden der Story, einen angeblich intelligenten Luftwaffenoffizier, als jemanden dastehen lassen kann, der sich all diese Gedanken nicht gemacht haben soll – insbesondere auch unter dem Druck, kurzfristig eine Entscheidung auch mit schwerwiegenden Folgen für ihn selbst treffen zu müssen! Außerdem frage ich mich, wieso eine Staatsanwältin erst in ihrem Schlussplädoyer darauf kommt, diese Fragen anzudeuten. Der Assoziationsversuch mit der am 11.09.2001 in Pennsylvania abgestürzten Maschine bzw. den Passagieren, die versucht haben, in letzter Minute das Cockpit zu stürmen, ist übrigens schon wegen der kaum vergleichbaren Umstände vollkommen überflüssig. Außerdem hatten in diesem Falle die aktiven Passagiere auch eine Entscheidung über Leben oder Tod (bzw. das damit verbundene Risiko) der an der Aktion nicht beteiligter Passagiere getroffen. Wäre so etwas im Fall der Filmstory zur Umsetzung gekommen, wäre das wiederum ein interessantes Thema für eine Diskussion über Recht oder Unrecht in Notstandssituationen.

Mir wird unbehaglich dabei, dass die Ungereimtheiten in der fiktiven Story unkommentiert (und scheinbar unbemerkt) durch alle Instanzen gehen und als Film in der ARD zur Ausstrahlung kommen. Falls nur eine unausgereifte Story als Film ausgestrahlt würde, wäre das nichts Neues und somit noch zu verschmerzen. Aber dass dieser Unsinn auch noch die Grundlage für eine Volksabstimmung über Schuld oder Unschuld eines im Auftrag des Staates handelnden Soldaten bildet, ist besonders deswegen unerträglich, weil die durch die Gestaltung des Films mit ausgezeichneten Schauspielern irregeführte Mehrheit der „Schöffen“ offenbar gar nicht gemerkt hat, dass sie jemanden freisprechen, der mindestens wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung zu verurteilen wäre.

Man kann nur hoffen, dass die Entscheidungsträger und/oder Befehlshaber bei ähnlichen Notständen im wirklichen Leben das Geschehen aufmerksamer bewerten.

Vielleicht kann der Film wenigstens folgende Frage anregen:
Wäre es nicht angebracht, gemeinsam mit dem Militär einen (geheimen) „Code“ zu entwickeln und die Piloten der zivilen Luftfahrt damit anzuleiten, wie sie in solch (wenngleich unwahrscheinlichen) Fällen ihre Absichten für begleitende Militärmaschinen erkennbar machen könnten, ohne dass ein im Cockpit befindlicher Flugzeugentführer das mitbekommt?! Denkbar wären kleine, scheinbar unmotivierte Manöver, die nur von außen gut erkennbar sind (z. B. ein Ausfahren des Fahrwerks o. Ä.).

 

10/2016 by Paul Monk

 

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